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An: An den Generaldirektor des ORF, Alexander Wrabetz

Der ORF darf nicht zum medialen Komplizen der Barbarei werden

Sehr geehrter Dr. Wrabetz,
seit einer Woche tobt ein völkerrechtswidriger Angriffskrieg gegen die Demokratische Föderation Nord- und Ostsyrien, welche die dort ansässigen Kurden Rojava nennen. Diese Invasion, die das bislang einzige erfolgreiche politische Gebilde der bürgerkriegsversehrten Region zu vernichten droht, funktionierende säkulare, multikulturelle und demokratische Strukturen, eine autonome Region, deren Streitkräfte maßgeblich an der Unterwerfung des Islamischen Staates beteiligt waren, hat binnen weniger Tage eine humanitäre Katastrophe ausgelöst. Über 100.000 Menschen sind auf der Flucht, und sie wären es wohl nicht, wenn sie die türkische Armee als ihre Befreier empfänden.
Wir, die Unterzeichner und Unterzeichnerinnen dieses Offenen Briefes, protestieren gegen die selektive, einseitige und falsche Berichterstattung des ORF, sowohl im Fernsehen als auch auf ORF.at (Ö1 ausgenommen). Will der ORF nicht in den Ruch eines verlängerten Arms der AKP-Hofberichterstattung kommen, muss er sofort beginnen, sich den wahren faktischen wie ideologischen Proportionen dieses Krieges zu stellen, wie es andere Medien von Anfang an getan haben.
Obwohl der Österreichische Rundfunk in den letzten Tagen sich dem gesamteuropäischen Trend einer kritischeren Beurteilung der aggressiven türkischen Politik nicht verschließen konnte, bleibt er in seinen Berichten bei der Grundannahme, dass die Invasion den „Selbstschutz“ und die Vertreibung der „Kurdenmilizen“ bezwecke sowie einen 30 Kilometer breiten Landstreifen von diesen zu „befreien“, um syrische Flüchtlinge anzusiedeln.
ORF-Berichterstattung unterschlägt, dass die Kurden die Region seit jeher bewohnen, dass Rojava eine multikulturelle Gesellschaft ist, dass die türkischen Bodentruppen großteils arabische Dschihadisten sind, dass die AKP-Regierung mit ihren Vertreibungen wie in Afrin eine arabisch-islamistische Besiedelung, und damit die Vernichtung einer funktionierenden Zivilgesellschaft anstrebt.

Ein Beispiel:
Mit keinem Wort erwähnte der ORF (im Gegensatz zu anderen führenden europäischen Medien) die Ermordung der 34-jährigen Politikerin Prof. Havrin Khalaf, Parteisekretärin der gesamtsyrischen Zukunftspartei, am 12. Oktober. Diese legendäre Friedensaktivistin hatte ihr junges Leben unermüdlich der Versöhnung und Integration diverser religiöser und ethnischer Gruppen auf den Schutthalden von IS und Bürgerkrieg gewidmet. Ihr Tod war kein Kollateralschaden, ihr Auto wurde von Drohnen der türkischen Armee auf der Straße zwischen Quamishlo und Minbic geortet, von den „Anti-Terror-Einheiten“ der Ahrar-al-Sharqiya-Miliz angehalten, sie und ihr Fahrer aus dem Wagen gezerrt, erschossen, ihre Körper geschändet. Pro-Regierungs-Medien in der Türkei (wie Habler-TV und Yenisafak) frohlockten über die „gelungene Operation zur Neutralisierung einer Terroristin“. Kein Einzelfall, sondern die von Ankara gedeckte Strategie der Dschihadisten, Terror und Angst in der Bevölkerung zu schüren und Gegner ihrer islamistischen Agenda planvoll zu liquidieren.
In einem ausführlichen Text haben wir uns kritisch mit der Berichterstattung zu diesem Thema auseinander gesetzt. Er kann unter diesem Link eingesehen werden: https://www.semiosis.at/2019/10/15/der-orf-darf-nicht-zum-medialen-komplizen-der-barbarei-werden/

Wir ersuchen den ORF daher, die Wahrheit zu kolportieren
Es ist leider keine polemische Übertreibung, wenn wir Sie auffordern, den ORF nicht zu einem medialen Komplizen dieser Barbarei werden zu lassen und die propagandistische Agenda der Dschihadisten zu übernehmen. Noch ist dieser Schaden an Ihrem Bildungsauftrag und der Verpflichtung zu journalistischer Objektivität reversibel. Undenkbar wäre es gewesen, hätte der ORF im ersten Jugoslawienkrieg sich die Perspektive der Sarajevo belagernden Truppen angeeignet. Kurzum: Noch wäre dieser Schandfleck abzupolieren.
Wie ersuchen Sie also nicht etwa, das unermessliche Leid der Opfer zu respektieren, sondern schlichtweg die Wahrheit zu kolportieren, die meistens, aber in diesem Fall eben nicht nur Auslegungssache ist. Dies erforderte auch Korrespondenten auf Seiten der angegriffenen Partei (wie etwa Alexandra Rojkov vom Spiegel). So Ihnen die Berichterstattung auf der Seite der Angreifer ein geringeres Risiko zu sein scheint als auf Seite der Angegriffenen, so fordern wir Sie auf, Ihre Journalisten und Journalistinnen wenigstens dazu anzuhalten, die Berichte anderer seriöser Medien zu rezipieren. In diesem Fall wäre Abschreiben und Imitieren keine Schande, sondern ein ethischer wie journalistischer Gewinn.

Warum ist das wichtig?

Weil der demokratiepolitische Auftrag eines staatlichen Mediums wie des ORF irreparablen Schaden nimmt, wenn seine Berichterstattung durch Parteilichkeit und ideologische Verzerrungen geprägt ist, welche die zynischen Machtspiele auf dem Rücken der Zivilbevölkerung decken. Er darf weder das Sprachrohr des Außenministeriums noch der Nato noch der AKP werden. Er hat die Verpflichtung, wie viele andere führende europäische Medien, die Wahrheit zu berichten.

Wie die Unterschriften übergeben werden

In Form einer Mail an den ORF.

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2019-10-17 19:31:56 +0200

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2019-10-17 16:43:08 +0200

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2019-10-17 13:21:02 +0200

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